Unterschiedliche Generationen kennen unterschiedliche Großeltern-Stereotypen: Die Generation, die nun selber kleine Kinder hat oder die Familiengründung allmählich angeht, kennt Großeltern meist als liebenswerte, oft zu nachsichtige und schon etwas gebrechliche Rentner, die selten schimpfen, dafür viel mehr Kuchen backen als ihre Eltern und massig viel Zeit haben, um die Kinder in ihrer Freizeit zu bespaßen. Hausaufgaben und andere Pflichten sind oft nebensächlich, wenn ein Kind sich bei seinen Großeltern aufhält.

Doch eben diese Generation erzählt von seinen Großeltern oft ganz andere Geschichten von distanzierten und autoritären Großvätern, bei denen am Tisch Zucht und Ordnung herrschte und zurückhaltenden Großmüttern, die vor vielen Alltagsaufgaben nur wenig Zeit hatten, um mit ihren Enkelkindern zu spielen.

Hier wird deutlich: Jeder Stereotyp hat seine eigenen zeitgeschichtlichen Ursachen. In harten Kriegszeiten blieb wenig Zeit für Spaß und Liebe, Männer verhärteten oft angesichts traumatischer Kriegserlebnisse. Eine Generation jedoch, die vom Aufschwung profitierte, diesen jedoch noch nicht als selbstverständlich erachtete, weil sie auch harte Zeiten durchlebt hatte, entwickelte eine ganz besonders große Fürsorge: Ihre Enkel sollten mehr Spaß, Freude und Liebe erfahren als sie selber. Der Optimismus der Aufschwungszeit und die Erfahrung des Elends machte die heute teilweise noch bestehende Generation liebenswert und fürsorglich.

Erneut haben sich die Zeiten und Umstände geändert, und dies hat auch seine Auswirkungen auf die Großeltern der heutigen Zeit. Was es heutzutage kaum noch gibt, ist ein verbreitetes Klischee: Großelternrollen sehen heute unterschiedlicher aus als in den vergangenen Generationen. Dies hat viele Gründe: Während früher gesellschaftliche Standards weitgehend vorschrieben, wann eine Familie Kinder zu bekommen hat, ist dies heute sehr unterschiedlich: Die einen werden schon mit Anfang Zwanzig, andere erst mit Vierzig Eltern. Entsprechend sind Großeltern dann noch voll berufstätig, pensioniert oder in Altersteilzeit oder bereits sehr alt und gebrechlich, was sich auf den Umgang  mit den Enkelkindern natürlich stark auswirkt. Eine fitte Großmutter Mitte 60 kann sich anders um ein Enkelkind kümmern als eine 50jährige, die noch voll im Berufsleben ist oder eine alte Frau im Alter von 80 Jahren, die die meiste Zeit im Bett oder im Sessel verbringt. Jede dieser Situationen erfordert anderes Verhalten seitens der Eltern und Großeltern, um eine liebevolle Beziehung zwischen Eltern und Großeltern aufzubauen. Einige grundsätzliche Verhaltensweisen können das Verhältnis jedoch prinzipiell fördern oder ihm schaden.

Mehr Zeit und weniger Verantwortung: Warum Großeltern ihre Enkelkinder intensiver erleben können als ihre eigenen Kinder

Meistens können sich Großeltern intensiver auf ihre Enkel einlassen als die Eltern oder als sie es früher auf ihre eigenen Kinder konnten, denn auf Großeltern herrscht ein geringerer Druck als auf Eltern. Die Kindererziehung fällt nicht in ihren Aufgabenbereich, sie müssen sich nicht um Alltagsschwierigkeiten kümmern, außerdem haben sie meist mehr Freizeit, weil sie nicht mehr oder nur noch wenig arbeiten oder stehen zumindest mit beiden Beinen fest im Berufsleben, sodass eine Sicherheit gegeben ist, die junge Eltern oft noch nicht haben. Die Zeit, die Großeltern mit ihren Kindern verbringen, ist begrenzt und sie können sich meist darauf vorbereiten, sich Aktivitäten überlegen und die Zeit intensiv und bewusst nutzen, weil Alltagsbesorgungen warten können, bis die Enkelkinder wieder weg sind.

Zudem sind Großeltern ruhiger, denn alles, was junge Eltern zum ersten Mal erleben und was ihnen große Sorgen bereiten kann, haben sie schon erlebt. Das Kind hat eine Erkältung oder Probleme in der Schule? Eltern mag das stark beunruhigen, Großeltern hingegen machen sich deswegen keinen Stress: Dass eine Erkältung bei Kindern vorbeigeht und welche Hausmittel ihnen Linderung verschaffen können, kennen sie aus der Zeit, in der sie selbst junge Eltern waren, und vielleicht hatten auch ihre eigenen Kinder Probleme in der Schule, die sich später gelegt haben oder sich als nur halb so schlimm herausgestellt haben. Großeltern können dann nicht nur auf Kinder gute Wirkungen haben, weil sie ruhig und gefasst mit ihren Krankheiten und Problemen umgehen, sondern können auch für nervöse Eltern eine wertvolle Stütze sein, diese beruhigen und ihnen Tipps geben.

Beziehungen verändern sich, müssen sich aber nicht verschlechtern: Die Beziehung zwischen Großeltern und Enkel aufrechterhalten

Die Weichen für eine liebevolle Beziehung zwischen Großeltern und Enkel wird meist in der frühen Kindheit der Enkel gelegt, wenn diese ihre ersten engen Bindungen aufbauen und Vertrauensverhältnisse entwickeln. Wenn Großeltern in dieser Zeit ihre Enkel regelmäßig sehen und eine wertvolle, liebevolle und intensive Zeit miteinander verbringen, werden sie zu wichtigen Bezugspersonen, die sie in der Regel auch Zeit ihres Lebens bleiben.

Dennoch ist es völlig normal und natürlich, dass Kinder sich weiterentwickeln und andere Schwerpunkte in ihrem Leben setzen. Ungefähr ab einem Alter von zehn Jahren sind Hobbys und Freunde meist wichtiger als die Großeltern. Die Familie, auch die Großeltern, sind selbstverständlich geworden, und Kinder schenken in dieser Lebensphase ihren Großeltern, ebenso wie auch ihren Eltern und Verwandten, weniger bewusste Aufmerksamkeit. Sie entdecken sich selbst und ihre Persönlichkeit, fordern Privatsphäre und empfinden es als Freiheit und Selbstständigkeit, wenn sie Zeit mit ihren Freunden verbringen können, die ganz frei ist von ihren Familienmitgliedern und wo ganz andere Regeln herrschen.

Diese Entwicklung ist nicht nur normal, sondern auch notwendig für Kinder: Der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit mag für die Familie manchmal etwas verletzend sein, insbesondere für die Großeltern, die in dieser Lebensphase oft besonders kurz kommen, doch diese müssen die Kinder hier loslassen und sie sich entwickeln lassen. Sie müssen verstehen, dass sie ihrem Enkelkind nicht egal geworden sind, sondern selbstverständlich. Die Bindung zur Familie ist geschaffen und stark, Kinder fühlen sich sicher und müssen sich nun um andere Bereiche ihres Lebens kümmern, die noch nicht so stark ausgeprägt sind.

Dass Großeltern nun also sehr viel weniger Zeit eingeräumt wird, sollten sie akzeptieren, ganz sollten sie den Kontakt jedoch nicht abbrechen lassen. Zwar wird das nur in den seltensten Fällen geschehen, weil Kinder immer noch mit ihren Eltern zu Besuch kommen oder selbst daran denken, Oma und Opa mal wieder anzurufen, doch solange sie nicht übertreiben und zu viel Aufmerksamkeit fordern, ist es auch angebracht, die weniger gewordene Zeit, die ihre Enkel ihnen nun einräumen, weiterhin auf schöne Weise zu verbringen.

Sie könnten ihre Enkelkinder anrufen und nach einem Termin für ein Treffen fragen. Auch wenn er vielleicht zwei oder drei Wochen in der Zukunft liegt, wird sich gewiss ein Termin finden. Großeltern sollten dann schöne Beschäftigungen vorschlagen, die allen Spaß machen, anstatt ihre Zeit einzufordern oder dem Kind gar ein schlechtes Gewissen zu machen.

Wenn Oma fragt „Möchtest du vielleicht mal wieder mit Opa und mir eine Radtour machen?“ freut sich das Kind gewiss mehr und wird aus eigenem Willen zustimmen, als über einen Vorwurf wie: „Du kommst uns überhaupt nicht mehr besuchen, wir vermissen dich schon so und sind sehr traurig! Hast du uns denn völlig vergessen?“, der nur Druck und ein schlechtes Gewissen auslöst.

In der gemeinsamen Zeit sollten Großeltern und Enkel alte, liebgewonnene Rituale pflegen, aber auch gemeinsame neue Hobbys entwickeln. Kinder werden sich freuen, wenn ihre Großeltern sich für ihre Hobbys und Freunde interessieren. Sie können fragen, was die Kinder unternehmen, wenn sie mit ihren Freunden Zeit verbringen, oder gemeinsam ihre Lieblingsmusik anhören.

Respekt, Kompromisse und Unterstützung: Großeltern müssen die Erziehungsmethoden der Eltern unterstützen und fördern

Gerade weil Großeltern meist ruhiger sind und mehr Zeit haben, stellt die Zeit bei Oma und Opa für die Kinder eine Art Erholung vom Alltag dar. Eltern sollten es nicht zu eng sehen, wenn ihre Kinder bei den Großeltern oft etwas mehr dürfen und manche Regeln, die zuhause eingehalten werden, bei Oma und Opa nicht gelten.

Genauso sollten Großeltern jedoch darauf achten, dass sie der Erziehung  keine Steine in den Weg legen und den Kindern bewusst machen, dass die Regeln, die sie zuhause einhalten müssen, nicht verkehrt sind und dass es richtig ist, auf die Eltern zu hören. Eine Abwertung der Regeln führt nur zu Streit auf allen Seiten: Kinder werden ihren Eltern vorwerfen, dass ihre Regeln doof sind, das sagen sogar Oma und Opa, und dies wiederum wird die Eltern wütend auf die Großeltern machen.

Damit es hier nicht zu Konflikten kommt, sollten Eltern mit den Großeltern besprechen, welche Regeln ihnen besonders wichtig sind und in welchen Situationen sie darauf bestehen, dass sich auch die Großeltern an diese Regeln halten. Bekommt das Kind beispielweise bei Oma und Opa mehr Süßigkeiten als zuhause, ist das für das Kind natürlich schön, doch kann dennoch gesundheitsschädigend sein, wenn es sehr oft bei den Großeltern ist: Dann beispielsweise sollten Eltern eine Grenze festsetzen, so wie beispielsweise nicht mehr als zwei Schokoriegel pro Tag.

Manche Großeltern neigen auch dazu, sich bei Erziehungsfragen zu stark einzumischen. Obwohl dies meist gut gemeint ist, führt solches Verhalten oft nur zu Konflikten und kann das Verhältnis zwischen Großeltern und Eltern stark beeinträchtigen. Es mag sein, dass die Großeltern mehrere Kinder aufgezogen haben und sich mit diesem Thema gut auskennen, und sicherlich auch nützliche Tipps geben können. Jedoch müssen sie akzeptieren, dass ihr Enkel nicht ihr eigenes Kind ist und dass Erziehung Sache der Eltern ist. Es gibt verschiedene Arten, ein Kind zu erziehen, und wenn die Großeltern mit der Erziehungsmethode der Eltern nicht einverstanden sind, müssen sie sie dennoch akzeptieren.

Wenn sich die Großeltern zu stark einmischen, werden sie nur Wut und Trotz bei dem jungen Elternpaar auslösen, und selbst dann, wenn ein guter Rat seitens der eigenen Eltern nützlich wäre, werden viele aus Prinzip darauf verzichten.

Kommt es tatsächlich einmal zu schwereren Konflikten, ist es falsch, das Kind als Druckmittel zu verwenden, etwa Besuche bei den Großeltern zu verbieten, um diese zu bestrafen. Hier leidet das Kind, weil es nicht zu Oma und Opa darf und nicht einmal versteht, warum, und Kinder sollten prinzipiell immer aus allen Familienstreitigkeiten herausgehalten werden.

Auch Eltern können dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkel zu unterstützen

Anstatt Streit und Konkurrenzdenken ist es für Kinder sehr viel angenehmer, wenn zwischen Eltern und Großeltern Harmonie herrscht und beide den anderen Liebe und Respekt in Anwesenheit der Kinder entgegenbringen. Wie bereits erwähnt, liegt es an den Großeltern, die Erziehungsmethoden und Regeln der Eltern gutzuheißen und den Kindern zu vermitteln, dass es richtig ist, auf die Eltern zu hören. Das Kind ab und zu übernachten zu lassen und ihm eine eigene Spielecke einzurichten wird ihm außerdem helfen, sich bei Oma und Opa wie zuhause zu fühlen.

Doch auch Eltern können die Beziehung zwischen ihren Kindern und deren Großeltern fördern. Schon in früher Kindheit und dann auch später, wenn sich die Schwerpunkte verlagern und den Kindern ihre eigenen Interessen wichtiger werden, sollten sie sie ohne Zwang dazu anregen, Oma und Opa mal zu besuchen, sie anzurufen und sich gemeinsam mit ihnen Gedanken um Geschenke für die Großeltern zum Geburtstag oder zu Weihnachten machen. Auch ein gemeinsamer Urlaub mit den Großeltern kann den Zusammenhalt verstärken. Es kommt selten vor, dass die ganze Familie gemeinsam und ohne Alltagsstress Zeit miteinander verbringen kann, ein Urlaub kann eine ideale Möglichkeit sein, dass das Kind einmal nicht nur Eltern oder Großeltern, sondern alle zusammen über einen längeren Zeitraum erlebt.  Auch Rituale oder feste Termine stärken das Familiengefühl, Familientraditionen sollten gemeinsam gepflegt werden, indem beispielsweise Oma, Papa und Enkelin alle gemeinsam Plätzchen nach dem Rezept der Uroma backen.

Wenn die Lebensumstände keine häufigen Treffen ermöglichen, so sollten die Familien regelmäßig miteinander telefonieren und auch die Kinder zum Hörer bitten, um sich einige Minuten mit den Großeltern auszutauschen. Und auch trotz Entfernung sollten Kinder und Großeltern sich mindestens zwei Mal im Jahr über einen Zeitraum von mindestens einem Wochenende sehen, insbesondere dann, wenn die Kinder noch klein sind, sonst wird es schwierig, eine enge Bindung aufzubauen.

Obwohl viele Großeltern sehr hilfsbereit sind, sollten Eltern dies nicht ausnutzen und sie zu sehr einspannen. Auch Großeltern sind oft noch berufstätig, und wenn nicht, so haben sie sich ihren Ruhestand wohl verdient. Auch wenn sie sie zur Entlastung brauchen, ist es wichtig, ihre Freiheit zu respektieren. Im Ruhestand haben Menschen die Möglichkeit, sich einfach ein paar Tage zu erholen oder spontan wegzufahren. Diese Freiheiten sollten Großeltern nicht genommen werden, deswegen ist es wichtig, etwa früh genug zu fragen, ob sie das Kind über einen bestimmten Zeitraum bei sich aufnehmen können.  Außerdem weiß keiner so gut wie die Eltern, dass Kinder auch anstrengend sein können, und auch hier sollten sie auf die Großeltern Rücksicht nehmen. Sie passen gewiss gerne auf das Kind auf, doch es immer wieder bei den Großeltern zu lassen, um selber Ruhe zu haben, ist nicht fair: Diese stressige Zeit haben die Großeltern auch schon mit ihren eigenen Kindern erlebt.