Dieser Artikel setzt sich mit folgenden Fragen auseinander:
- Warum brauchen Kinder Freundschaften zu anderen Kindern?
- Wonach wählen Kinder ihre Freunde aus?
- Freundschaft unter Kindern: Können auch schon Kleinkinder Freundschaften schließen?
- Zusammenhalt und Liebe, Streit und Eifersucht: Wie stark prägen sich Geschwister gegenseitig?
- Wie können Eltern ein harmonisches Verhältnis zwischen Geschwistern fördern?
- Gibt es das „typische Einzelkind“?
Warum brauchen Kinder Freundschaften zu anderen Kindern?
Kontakte zu Gleichaltrigen, in der Wissenschaft häufig als „Peers“ bezeichnet, sind für Kinder sehr wichtig, wie zahlreiche Wissenschaftler aus Bereichen wie Pädagogik und Psychologie immer wieder betonen. Denn das Verhältnis zwischen zwei oder mehreren Kinder steht unter völlig anderen Voraussetzungen als das Verhältnis zwischen einem Kind und Erwachsenen. Ein Erwachsener ist für ein Kind fast immer eine Autoritätsperson, die viel weiß, dem Kind viel beibringen kann und dessen Wort das Kind zu befolgen hat. In der Beziehung herrscht also ein starkes Ungleichgewicht. Bei Gleichaltrigen ist das nicht der Fall, hier herrschen einigermaßen gleichmäßige Verhältnisse. Mit Peers können Kinder lernen, sich durchzusetzen, andere Menschen zu überzeugen, Kompromisse zu schließen und sich zu einigen. Wenn ein Kind dem anderen in einer bestimmten Fähigkeit voraus ist, kann er sie seinem Spielkamerad beibringen, und eignet sich so erste didaktische Fähigkeiten an. Sie vergleichen sich auch mit ihren Freunden, was sich meist positiv auf das eigene Selbstbild auswirkt: Während sie Erwachsenen immer unterlegen sind, ist das in Situationen mit Gleichaltrigen unterschiedlich. Sie lernen, dass sie manchmal nachgeben müssen, manchmal jedoch auch überzeugend oder durchsetzungsfähig sein können.
Auf der anderen Seite fallen Auseinandersetzungen zwischen Erwachsenen und Kindern häufig zugunsten der Kinder aus: Eltern und andere Erwachsene geben gerne mal nach, wenn sie mit ihren Kindern nicht einer Meinung sind und wenn es um Entscheidungen geht, etwa welches Spiel gespielt wird, liegen diese fast immer in der Hand des Kindes. Bei Kinderfreundschaften ist das hingegen anders: Gleichaltrige geben nicht einfach so nach und wollen vielleicht ein anderes Spiel spielen, und die sozialen und kognitiven Fähigkeiten, die notwendig sind, um eine solche Situation zu lösen, werden im Austausch mit Peers sehr viel stärker gefördert als im unausgewogenen Austausch mit Erwachsenen.
Im Umgang mit Peers lernen Kinder auch am einfachsten, sich in andere Personen hinein zu versetzen und die Wünsche Anderer zu respektieren, denn wer sich respektlos oder zu egoistisch verhält, verliert seine Freunde, das merken auch schon Kinder schnell.
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Wonach wählen Kinder ihre Freunde aus?
Schon bei Kleinkindern und Babys lässt sich feststellen, dass sie zu Gleichaltrigen, die sie schon häufiger gesehen haben, intensiveren Kontakt suchen als zu Kleinkindern oder Babys, die sie nicht kennen.
Neben der Vertrautheit spielt bei kleinen Kindern auch das Alter und das Geschlecht eine wichtige Rolle bei der Wahl der Freunde. Schon Zweijährige spielen lieber mit Kindern gleichen Geschlechts, was auch daran liegen könnte, dass die Freundschaftskonzepte zwischen Mädchen und Jungen oft unterschiedlich sind.
Jungen haben oft große Freundeskreise, in denen Gruppenzusammenhalt eine wichtige Rolle spielt. Mädchen hingegen haben öfter intensive Zweierbeziehungen mit einer oder mehreren „besten Freundinnen“, die jedoch nicht alle in eine Gruppe gehören.
Die Merkmale, nach denen sich Kinder ihre Freundschaften aussuchen, unterscheiden sich in den unterschiedlichen Lebensphasen: Im Kindergartenalter sind Kinder mit denjenigen Kindern befreundet, die sie am häufigsten sehen, etwa wenn auch die Mütter Freunde sind oder die Kinder in derselben Nachbarschaft leben. Ungefähr im Grundschulalter beginnen Kinder damit, sich ihre Freunde nach Interessen auszusuchen: Hier geht es besonders darum, gemeinsam über Pferde zu schwärmen oder dieselbe Lieblingsserie zu haben.
Einige Grundschul-Freundschaften halten bis ins Jugend- und Erwachsenenalter hinein, auch wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass sich die Kinder stark auseinander entwickeln. Werden in der Jugend aber neue Freundschaften aufgebaut, so geht es nun eher darum, sich gemeinsam abzugrenzen, insbesondere vor der Erwachsenenwelt, von der sich Kinder im Teenageralter oft nicht verstanden fühlen. Freunde werden in dieser Phase zu sehr wichtigen, oft zu den wichtigsten Bezugspersonen.
Freundschaft unter Kinder: Können auch schon Kleinkinder Freundschaften schließen?
Dass Kinder Freunde brauchen, wird keiner bestreiten, es stellt sich nur häufig die Frage, ab wann Kinder den Umgang mit Peers lernen sollten und wann es zu früh ist, weil die Kinder noch damit beschäftigt sind, sich selbst, ihre Umwelt und ihre Eltern kennenzulernen.
So stehen etwa Kinderkrippen häufig in der Kritik, Kinder zu früh von ihren Hauptbezugspersonen, also ihren Eltern, zu trennen. Wissenschaftler stellen sich die Frage, ob Kleinkinder vom Umgang miteinander bereits profitieren, ob sie einander gar nicht richtig wahrnehmen oder ob ihnen Kontakte zu Gleichaltrigen vielleicht sogar schaden könnten.
Entwicklungspsychologischen und frühpädagogischen Forschungen haben auf diese Fragen einige interessante Antworten gefunden. Studien zufolge haben Kleinkinder Interesse aneinander, was sich darin zeigt dass sie mit Mimik, Gestik und Lauten aufeinander reagieren. Manchmal streiten sie sich auch um Spielzeug – ebenfalls eine deutliche Reaktion aufeinander. In größeren Gruppen kann es jedoch tatsächlich vorkommen, dass ein Kleinkind noch etwas überfordert ist von all den anderen Kindern. Am intensivsten ist die Interaktion, wenn nur zwei Kleinkinder zusammen sind. Sie kommunizieren dann durch Körperhaltung, Mimik, Gestik und gehen insbesondere dadurch aufeinander ein, dass sie einander imitieren.
Spannend ist vor allem, dass Kleinkinder mit Peers anders kommunizieren als mit Erwachsenen: Gesten und Berührungen richten sie eher an andere Kinder, mit Erwachsenen kommunizieren sie eher über Laute und Mimik. Manchmal scheint es, als würden Kleinkinder mit bestimmten Kontaktversuchen keinen Zugang zu Erwachsenen finden, zu Gleichaltrigen jedoch schon. Etwa dann, wenn sie lachend unverständliche Laute von sich geben, sich verrenken und sich gegenseitig imitieren.
Zusammenhalt und Liebe, Streit und Eifersucht: Wie stark prägen sich Geschwister gegenseitig?
Das Verhältnis unter Geschwistern ist ein ganz Besonderes: Kaum jemanden sieht ein Kind in seiner Kindheit öfter als seine Geschwister. Sie leben in einem Haushalt, teilen sich Mutter und Vater und oft auch vieles mehr. Häufig kommt es regelrecht zu Kämpfen um die Gunst und Aufmerksamkeit der Eltern.
Geschwister stellen Kontakte dar, die zumindest im Kindesalter weder mit Eltern noch mit Freunden zu vergleichen sind: Kinder brauchen mehr soziale und emotionale Fähigkeiten, um mit ihren Brüdern und Schwestern zurecht zu kommen, als mit ihren Eltern. Denn während die Eltern oft nachgeben, sind Geschwister genauso hartnäckig und haben ebenso ihren eigenen Kopf. Obwohl das auch bei Freunden der Fall ist, sind Kinder gegenüber Geschwistern oft rücksichts- oder respektloser als ihren Freunden gegenüber, denn Freunde könnten ihnen die Freundschaft kündigen, doch Geschwister bleiben Geschwister. Ein Kontaktabbruch ist im Kindesalter unter normalen Umständen überhaupt nicht möglich.
Das Verhältnis zu den Geschwistern ist also oft problematisch, geprägt von Streit bis hin zu Hass. Ebenso intensiv sind jedoch oft auch die positiven Gefühle gegenüber den Geschwistern. Wenn Eltern streiten oder etwas beschließen, das die Kinder hart trifft, wie einen Umzug oder das Verbot, ein Haustier zu besitzen, haben sie in ihren Brüdern oder Schwestern einen oder mehrere Verbündete, die dasselbe Problem haben. Sie können gemeinsam traurig oder wütend sein und sind mit ihren Gefühlen nicht alleine, oder schaffen es vielleicht zusammen sogar, ihre Eltern dazu zu überreden, einen Hund anzuschaffen.
Häufig, besonders unter Schwestern, wird auch festgestellt, dass eine Schwester im Teenageralter für die Jüngere ein größeres Vorbild ist als die Mutter. Viele Zehnjährige finden ihre große Schwester toll, wollen so sein wie sie, kämpfen um ihre Anerkennung und versuchen sie zu imitieren und an ihrem Leben teilzuhaben.
Natürlich wünschen sich Eltern ein möglichst harmonisches, enges Verhältnis ihrer Kinder zueinander. Deswegen machen sich auch viele Gedanken über die harmonischste Konstellation oder den idealen Altersabstand. Wissenschaftler sind oft der Meinung, dass einerseits die Nähe, andererseits aber auch das Konfliktpotential umso größer ist, je geringer der Altersabstand zwischen den Geschwistern ist. Die harmonischste Konstellation soll die eines großen Bruders mit kleiner Schwester sein: Er hat das Bedürfnis, seine kleine Schwester zu beschützen und kann als der Stärkere auftreten, sie verlässt sich auf ihren großen Bruder und fühlt sich sicher. Doch wie so oft sind auch solche Ergebnisse aus Studien nie pauschalisierbar, zu viele Faktoren sind es, die das Verhältnis zwischen Geschwistern beeinflussen. Nicht zuletzt spielt das Verhalten der Eltern eine wichtige Rolle.
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Wie können Eltern ein harmonisches Verhältnis zwischen Geschwistern fördern?
Geschwister teilen sich ihre Eltern. Dass hier schnell Rivalität, Eifersucht und Streit entstehen kann, ist klar. Deswegen sollten Eltern darauf achten, dass sie keines ihrer Kinder bevorzugen oder sie miteinander vergleichen. Jedes der Kinder muss für sich selber als einzelnes Kind existieren und das Gefühl haben, dass es mit seinen Fehlern und Schwächen geliebt und dass seine Stärken geschätzt werden.
Da Menschen sich gerne ihre konkurrenzlose Nische einrichten, kommt es häufig vor, dass Geschwister ganz unterschiedliche Hobbys und Interessen entwickeln. Ist der große Bruder ein leidenschaftlicher Fußballspieler, entdeckt der Kleine vielleicht seine Liebe zur Musik oder zu Computern. Eltern sollten das fördern, indem sie die Interessen aller Kinder wertschätzen. Auch wenn sie selber vielleicht lieber Sport machen und mit Computern nicht viel anfangen können, sollte das Computer-affine Kind nicht zum Außenseiter in der Familie werden.
Auch Vergleiche sind völlig fehl am Platz. Kinder haben unterschiedliche Fähigkeiten, schulische Leistungen und Charaktereigenschaften. Hat ein Kind etwa Probleme damit, in der Schule mitzukommen, wird es durch einen Vergleich mit seinem großen Bruder oder seiner großen Schwester nur frustriert werden: „Sarah hat sich aber, als sie in der dritten Klasse war, nicht so sehr in Mathe angestellt“ ist ein gemeiner Satz. Stattdessen könnten Eltern die große Schwester darum bitten, dem jüngeren Kind etwas unter die Arme zu greifen. Wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern vermitteln, dass diese keine Rivalen, sondern ein Team sind.
Eine besonders schwierige Zeit bricht oft dann an, wenn ein zweites Kind geboren wird. Dass das ältere Kind dann erst einmal eifersüchtig ist, viel mehr um Aufmerksamkeit kämpft als vorher und auch wütend ist auf das kleine Baby, das ihm immer seine Eltern wegnehmen will, aber nicht mal mit ihm spielen kann, ist normal. Und auch wenn es klar ist, dass einen Säugling zu haben ein 24-Stunden-Job ist, ist es wichtig, das ältere Kind nicht zu vernachlässigen. Es braucht nun eine Extra-Portion Aufmerksamkeit und alte Rituale sollen aufrecht erhalten werden. Wenn das Kind es etwa gewohnt war, vor dem Schlafengehen eine Gute Nacht Geschichte zu hören, sollte es sie auch nach der Geburt des Babys hören dürfen.
Ist das Kind nicht mehr ganz klein, ungefähr im Grundschulalter, sollte es auch bei der Babypflege mithelfen dürfen. So baut es eine intensivere Bindung zu seinem kleinen Geschwisterchen auf und hat das Gefühl, an der Beziehung zwischen seiner Mutter und dem Baby teilzuhaben. Allerdings sollte jede Hilfe freiwillig sein – wird ein Kind dazu gezwungen, sich um das Baby zu kümmern, obwohl es lieber mit seinen Freunden raus gehen würde, kann das wieder zu Wut und negativen Gefühlen führen.
Gibt es das „typische Einzelkind“?
Obwohl heutzutage sehr viele Eltern nur ein Kind haben, gibt es immer noch jede Menge Vorurteile gegenüber Einzelkindern: Sie sollen egoistisch, verwöhnt, besserwisserisch und rücksichtslos sein, weil sie es gewohnt sind, der Mittelpunkt der Familie zu sein und nicht teilen zu müssen.
Klar ist, dass ein Kind soziale Kontakte zu anderen Kindern braucht, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie es sich benehmen muss, um mit Altersgenossen zurechtzukommen. Doch müssen diese sozialen Kontakte unbedingt die Geschwister sein?
Das Verhältnis zwischen Geschwistern ist zweifelsohne ein besonderes. Sie erziehen sich gegenseitig und trainieren sich in sozialem Verhalten anders und intensiver, als das Freunde tun. Alleine schon deswegen, weil sie sich ständig sehen und ihren Alltag miteinander leben. Ältere Geschwister haben weiterhin den Vorteil, dass sie ihren kleinen Brüdern und Schwestern Dinge aus verschiedensten Lebensbereichen beibringen können, was Freunde oft nicht können, weil ihnen die nötige Lebenserfahrung fehlt. Anders sieht es natürlich dann aus, wenn zwischen den Freunden ein Altersunterschied von mehreren Jahren liegt, was durchaus auch häufiger vorkommt.
Anders sieht es aus, wenn nur zwei Kinder in der Familie leben. Durch den sogenannten Tutoreneffekt profitieren die Geschwister dann voneinander. Das ältere bringt dem jüngeren Kind Dinge aus den verschiedensten Lebensbereichen bei und ist oft ein besserer Lehrmeister als die Erwachsenen.
Das heißt jedoch nicht, dass jedes Kind Geschwister braucht, um mit seinem sozialen Leben zurecht zu kommen und als Erwachsener kein rücksichtsloser Eigenbrötler zu werden. Wichtig ist, wie Eltern ihre Kinder erziehen und regelmäßiger Kontakt zu anderen Kindern – Geschwister sind nur eine wertvolle Ergänzung, die das Leben stark prägen, aber nicht unabdingbar sind, um sich später unter Menschen zurechtzufinden.
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