Scheidungskinder sind keine Seltenheit mehr: Familienstrukturen sind sehr viel flexibler geworden. In Deutschland wird durchschnittlich jede zweite bis dritte Ehe irgendwann geschieden, sogenannte Patchwork Familien, also neu zusammengestellte Familien, die von geschiedenen Elternteilen gegründet werden, die ihre Kinder mit in die neue Familie bringen, werden immer häufiger und sind kaum noch ungewöhnlich.

Angesichts dieser Tatsachen liegt die Vermutung nahe, dass eine Ehescheidung für Kinder kaum ein Problem darstellt – mindestens zwei oder drei Kinder aus ihrem Freundeskreis haben auch geschiedene Eltern, sie merken, dass es weitergeht. Dass es auch nette Stiefväter und Stiefmütter gibt und dass eine Trennung nicht heißt, dass ein Elternteil aus dem Leben des Kindes verschwindet. Diese Vermutung wäre der Idealfall – der jedoch leider nur selten der Realität entspricht. Denn obwohl eine Scheidung zumindest anfangs für ein Scheidungskind nie leicht ist, können Eltern mit dem richtigen Verhalten dafür sorgen, dass ihre Kinder die Trennung ohne negative Spätfolgen und leidvollen Jahren direkt nach dem Bruch überstehen.

Immer wieder ist von Studien die Rede , die das Verhalten und Befinden von Scheidungskindern untersuchen und herausgefunden haben, dass sie mehr zu Depressionen und zu aggressivem Verhalten neigen, dass für sie ein höheres Risiko besteht, mit ihrem Leben und zwischenmenschlicher Nähe nicht zurechtzukommen und sich irgendwann ebenfalls scheiden zu lassen.

Für Kinder ist die Scheidung eine Tragödie

Es gibt einiges, das Eltern verstehen müssen, um ihrem Kind die eigene Scheidung möglichst einfach zu machen: Zunächst ist eine Trennung der Eltern für Kinder in jedem Fall eine Tragödie. Und zweitens hat ein Kind große Schwierigkeiten damit, die Trennung zu verstehen. Umso mehr, je jünger es ist.

Oft kommen Eltern nicht darauf, welche Gedanken ein Scheidungskind belasten. So haben viele Kinder Angst, ganz alleine gelassen zu werden: Wenn es von einem Elternteil verlassen wird, so ist es für das Kind eine realistische Vorstellung, dass auch das andere Elternteil geht.

Außerdem suchen Kinder die Schuld an der Scheidung auch oft bei sich. Sie denken, dass die Familie wegen ihnen zerbrochen ist, weil sie ihre Eltern geärgert haben, indem sie etwa nicht aufräumen wollten oder schlechte Noten hatten. Schon sehr kleine Kinder können sich hier heftige Vorwürfe machen, die in ihrem Kopf viel Sinn ergeben.

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Die meisten Kinder, insbesondere wenn sie tatsächlich noch im Kindesalter sind und selber noch nicht die Erfahrung einer Liebesbeziehung gemacht haben, verstehen eine Trennung auch einfach nicht, weil sie nicht in die kindliche Logik passt. Ein Kind erlebt sich und seine Eltern als untrennbare Einheit, denn es kennt Mutter und Vater seit seiner Geburt zusammen. Dass es eine Zeit vor seiner Geburt gab, in der sich seine Eltern noch nicht kannten, kann es sich nicht vorstellen, deswegen kann ein Kind auch oft nicht begreifen, dass seine Eltern diese starke Einheit auflösen. Mit vernünftigen Argumenten kann es häufig nichts anfangen. Mama mag jemand anders lieber als Papa oder es ist einfacher, wenn Mama und Papa sich trennen, weil sie sich so viel streiten? Das ist für ein Kind kein Grund, die Familie kaputt zu machen: Es mag vielleicht eine Freundin auch lieber als die andere, und ist dennoch mit beiden befreundet. Und mit der großen Schwester streitet es auch dauernd, und dennoch sind sie eine Familie.

Wenn die Einheit, die in ihrem Kopf untrennbar ist, auseinandergerissen wird, weil Mutter oder Vater plötzlich aus dem Haus ausziehen und es keine gemeinsamen Unternehmungen mehr gibt, weil es seine Eltern nicht mehr gemeinsam, sondern nur noch einzeln erlebt, ist das für Kinder ein gewaltiges Eingreifen in ihre Stabilität und Sicherheit und wirft ihre ganze heile Welt durcheinander, und das müssen Eltern begreifen, um ihren Kindern ihre Trennung so einfach wie möglich zu machen.

Glückliche Scheidungskinder: Wie sich Eltern verhalten müssen, um ihren Kindern die Trennung zu erleichtern.

Auch wenn eine Trennung zunächst für fast jedes Kind eine Katastrophe ist: Wie sie sich langfristig auf die Lebensqualität und die psychische Entwicklung des Kindes auswirkt, liegt in der Hand der Eltern.

Das Selbstwertgefühl der Kinder muss auch schon während der Beziehung gefördert werden

Je höher das Selbstwertgefühl eines Kindes ist, umso weniger wird es sich die Schuld daran geben, dass sich seine Eltern getrennt haben und umso weniger wird es Angst haben, ganz alleine gelassen zu werden, weil es sich bewusst ist, wie viel es seinen Eltern bedeutet. In Streitsituationen oder wenn das Kind gerade einmal besonders anstrengend ist, sollten Eltern nichts sagen, was sich auf das Selbstwertgefühl ihres Kindes auswirken könnte, wie etwa „Du machst mich fertig“ oder „Ich halte es mit dir nicht mehr aus.“

Denn steht dann tatsächlich eine Trennung an, kann sich das Kind an die Worte erinnern und wird sich denken: „Papa hat gesagt, er hält es mit mir nicht aus, und jetzt ist er weg!“ Oder: „Papa ist weg und Mama hat gesagt, sie hält es mit mir nicht aus, sie wird auch gehen!“

Dem Kind die Scheidung zusammen mitteilen

Eltern sollten sich zusammen der großen Herausforderung stellen, ihrem Kind die Trennung mitzuteilen. Sie sollten ihm in die Augen sehen und es liebevoll, aber direkt sagen: „Mama und Papa haben beschlossen, nicht mehr zusammenzuleben. Papa/ Mama wird leider woanders hinziehen und nicht mehr mit uns im Haus wohnen.“

Verständnis sollten Eltern von ihren Kinder nicht erwarten, egal ob es sich um Teenager oder um Kleinkinder handelt. Für die Kinder bricht in diesem Moment eine Welt zusammen. Dass Eltern eventuell mit der neuen Situation glücklicher sind, braucht das Kind erstmal nicht zu interessieren.

Dem Scheidungskind weiterhin Sicherheit und Stabilität bieten

Für beide Eltern geht mit ihrer Trennung voneinander eine ganz neue Lebensphase los. Viele empfinden sie als befreiend, manche leiden stark, besonders wenn sie der verlassene Part sind und beim Ex-Partner eine neue Liebesbeziehung im Spiel ist. Doch für das Kind ist entscheidend, dass sich so wenig wie möglich ändert und vor allem, dass beide Eltern ihm erhalten bleiben. Wenn der Vater zwar ausgezogen ist, aber sein Kind weiterhin wie gewohnt in die Schule bringt, fühlt es sich bald wieder sicherer. Natürlich kann der alte Alltag nicht 100 prozentig erhalten werden, aber dann müssen Eltern dafür sorgen, schnell eine neue Alltagsstruktur aufzubauen, in der sich das Kind wohl fühlt. Beispielsweise kann das Elternteil, welches den Haushalt verlassen hat, zwei oder drei Mal in der Woche vorbeikommen, um die Abendstunden mit dem Kind zu verbringen und es ins Bett zu bringen. Wenn die Eltern-Kind-Beziehung erhalten bleibt und das Kind sich sicher sein kann, dass es weder Mutter noch Vater verloren hat, ist die Trennung gleich nicht mehr ganz so schlimm.

Das Scheidungskind darf nicht zwischen den Fronten stehen!

Deswegen ist es besonders fatal, wenn Eltern ihren Kindern die Trennung mit ihrem Verhalten immer wieder vor Augen halten oder sogar versuchen, es auf ihre Seite zu ziehen und es gegen den Ex-Partner aufzuhetzen. Die Loyalitätskonflikte, die dann beim Kind auftreten, sind eine besondere Belastung. Es kannte seine Familie als Einheit – und plötzlich sprechen seine Eltern schlecht voneinander und verlangen, dass es einen von beiden nicht mehr lieb hat. Der eigene Frust muss dem Kind bei einer Scheidung unbedingt verborgen bleiben, auch wenn das schwer sein kann.

Als Paar trennen, als Eltern zusammenarbeiten

Eine Scheidung ist meistens mit vielen negativen Emotionen verbunden: Die Ex-Partner sind verletzt, eifersüchtig, wütend oder frustriert und manchmal wäre Abstand und Kontaktabbruch das Beste. Bei einer kinderlosen Beziehung ist dies auch der sinnvollste Schritt hin zur Verarbeitung einer Trennung, doch wenn das Paar Kinder hat, geht das schlicht nicht. Die Verantwortung für das Wohlergehen des Kindes muss in diesem Fall über den eigenen Bedürfnissen stehen.

Ziel muss es also sein, als Eltern weiterhin zusammenzuarbeiten, auch wenn man als Paar getrennte Wege gegangen ist. Den Kindern zeigt dies: Eine Trennung bedeutet nicht unbedingt die Zerstörung einer Familie, sondern kann der Auftakt zu einer neuen, vielleicht sogar besseren Lebensform sein. Insbesondere in krisenbehafteten Familien, wo es immer wieder Streit zwischen den Eltern gegeben hatte, der sich negativ auf das Familienklima ausgewirkt hatte, kann eine richtig umgesetzte Trennung langfristig tatsächlich auch für das Kind die beste Lösung sein.

Der Umgang der getrennten Eltern miteinander sollte neutral sein: Keinesfalls sollten sie sich in Gegenwart ihrer Kinder streiten, sie sollten sich aber auch nicht zu harmonisch und vertraut zueinander verhalten, weil das Kind dann noch weniger als ohnehin schon verstehen wird, warum eines der Elternteile ausgezogen ist, wenn doch eigentlich alles in Ordnung zu sein scheint.

In die Zukunft blicken und sich Hilfe holen

Wenn eine Mutter oder ein Vater merkt, dass er oder sie mit seiner Ehescheidung nicht klar kommt, sollte sie oder er sich Hilfe holen, etwa bei guten Freunden oder im Rahmen einer professionellen Therapie. Denn Frust, Trauer und Depressionen wird der oder die Betroffene auf Dauer auch von seinem Kind nicht fernhalten können, und natürlich geht es auch nicht nur darum, das Wohlbefinden des Kindes trotz Scheidung aufrecht zu erhalten, sondern auch darum, sich um sein eigenes zu sorgen und positiv und mit auf die Zukunft gerichtetem Blick weiterzuleben.

Wenn eine Trennung richtig angegangen wurde, sind auch neue Partner kein großes Problem

Generell leiden Kinder eigentlich nicht so sehr unter Trennungen wie unter schlechten Beziehungen. Deswegen kann es einem Kind, dessen Eltern zwar zusammenleben, aber in der Familie keinerlei Harmonie herrscht, schlechter gehen als einem Kind, dessen Eltern zwar geschieden sind, die ihre Trennung jedoch so umgesetzt haben, dass das Kind sich trotzdem sicher fühlt und die Eltern-Kind-Beziehung nicht zu Schaden gekommen ist. Eine solche Trennung kann von Kindern irgendwann akzeptiert und für gut erachtet werden, und wenn getrennte Eltern sich gegenseitig respektvoll behandeln und das Kind merkt, dass ihnen wichtig ist, dass es ihm gut geht und dass zwar die Ehe, aber nicht die ganze Familie in die Brüche gegangen ist, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich Scheidungskinder damit abfinden, dass Mutter oder Vater irgendwann einen neuen Partner haben, den sie als Teil des Lebens ihrer Eltern akzeptieren müssen. Solange diese Person nicht versucht, den leiblichen Vater oder die leibliche Mutter zu verdrängen, sondern ein individuelles, gutes Verhältnis zum Kind aufzubauen, sind die Chancen gut, dass es schöne Patchwork-Familie neben der harmonischen Scheidungsfamilie existieren kann.

Letztendlich sind Trennungen schwierig für Eltern und Kinder und die hier beschriebene „Idealtrennung“ ist  gewiss für Mutter und Vater ein hartes Stück Arbeit, aber auch solche schwierigen Situationen können so gemeistert werden, dass es am Ende allen gut geht, insbesondere dem Kind, das für das Scheitern der Ehe einfach nichts kann und deshalb am allermeisten verdient hat, weiterhin glücklich sein zu dürfen.